Autistic Burnout - Und auf einmal geht nichts mehr…
Der Sonntag weckt schon am Morgen die Angst vor der neuen Arbeitswoche in mir. Ich sollte die Woche planen, eine Einkaufsliste schreiben, wissen, welche Termine anstehen und auch noch Aufgaben auf die Woche verteilen. Außerdem funktioniere ich auf der Arbeit nur noch.
Klingt absolut utopisch? Ist es auch. Vor noch ein, zwei Jahren hatte ich zu allem ein System:
FlyLady fürs Putzen
Essensplan für naja - Essen
Sonntags-Reset
So viele Systeme, die mal funktioniert haben. Aber nun nicht mehr. Was hat sich geändert?
Wenn ich die Liste so anschaue, hat sich mein ganzes Leben grundlegend geändert. Ich habe noch nie alleine gewohnt und immer den Erwartungen anderer gerecht werden wollen.
Niemand guckt mich schief an, wenn die Wohnung mal einen Tag nicht aufgeräumt wird, ich muss nicht immer kochen oder überlegen, was gegessen werden soll, was auch dem ganzen Haushalt schmeckt. Dann esse ich eben dreimal Pelmeni oder mach mir Nuggets im Airfryer. Wen interessiert es?
Die Energie ist einfach nicht mehr da und mein Körper merkt, dass er endlich mal runterfahren kann. Auch mein Verdacht auf Autismus trägt sehr viel dazu bei. Das kannst du dir so vorstellen:
Du möchtest ein bestimmtes Auto kaufen. Immer häufiger siehst du das Auto auf der Straße und denkst dir: "Sind schon immer so viele davon rumgefahren?"
Die Antwort ist einfach: Die Autos waren schon immer so häufig unterwegs, nur dein Fokus hat sich mehr darauf verlagert.
Der Autismus ist ein Teil von mir. Meine Identität. Die Verdrahtung des Glühhirns. Das war schon immer so. Nur jetzt fallen mir viel öfter Dinge auf, über die ich früher noch hinweggesehen habe.
Ich bin erschöpft vom Leben, wie ich mich für andere aufgeopfert habe und wie wenig ich mich um mich selbst gekümmert habe. Die Recherche und Selbstbeobachtung hat mir gezeigt, dass ich wohl seit Jahren in einem sogenannten “Autistic Burnout” stecke - also die chronische Ausgebranntheit, weil ich immer nur maskiere und meine Bedürfnisse und Grenzen nicht eingehalten habe.
Und wenn ich dann nicht die Bremse ziehe, kann es sein, dass eine kleine Kritik an mir oder eine andere Meinung mich völlig aus der Bahn wirft. Keine Freude, grauer Nebel im Kopf und eine Einstellung, ich strenge mich einfach nicht genug an.
Das ist natürlich völliger Unsinn. Durch den geringen Reizfilter nehme ich viel mehr Informationen auf, nehme Emotionen wie ein Schwamm auf und frage mich dann, warum alles zu viel ist. Mir hilft es jeden Tag aufs Neue, mich zu beobachten, auch Kleinigkeiten aufzuschreiben, was mich bewegt, wie ich mich fühle und was ich dann gemacht habe, um wieder zu regulieren. Ich muss also alles runterfahren und mich ganz neu kennen lernen.
Mein Leben ist nicht aufregend. Es ist tiefgründig, reflektiert und doch bunt wie ein Regenbogen.
Regenbögen sind für mich Struktur, Vielfalt, Einzigartigkeit und Freude. So will ich sein.
Diese Vorstellung vom Leben hat sich in meinem Kopf eingebrannt. Aber der Weg dahin ist noch lang. Meine größte Herausforderung ist gerade die Arbeit. Davon habe ich schon oft erzählt. Es ist ein Muster erkennbar, das sich schon viele Jahre - im Grunde seit meiner Ausbildung - durch mein Arbeitsleben zieht. Diese innere Leere, das Funktionieren.
Versteh mich nicht falsch - es ist nicht die Arbeit selbst, die mich zermürbt. Es ist das Gefühl, jeden Tag in eine Version von mir zu schlüpfen, die nicht ganz ich bin. Funktionieren. Anpassen. Lächeln. Und abends nach Hause kommen und nichts mehr übrig haben.
Da ist keine Energie mehr, um irgendwas anderes zu erschaffen oder zu kompensieren. Doch, um dich und auch mich zu ermutigen, gebe ich dir etwas nach diesen Erfahrungen mit auf den Weg:
Man kann alles irgendwie schaffen, es ist nur nicht immer leicht.
Das ist mir beim Schreiben aufgefallen und zieht sich durch all meine Erlebnisse. Es geht weiter. Es wird auch wieder besser. Nur nicht wie im Film und ganz sicher auch nicht so einfach.
Diese Geschichte soll dich aufmuntern und zeigen, dass es auch graue Zeiten gibt. Die werden wir gemeinsam durchleben und auch wieder das Licht finden (oder den Regenbogen, wenn es regnet und die Sonne dabei scheint).
Schreib mir gerne, was deine aktuelle Herausforderung ist, vielleicht finden wir gemeinsam einen Weg, wieder etwas Farbe in unseren Alltag zu bringen.
Nun wünsche ich dir eine angenehme Zeit und wir lesen uns im nächsten Beitrag wieder.
Dein Glühhirn, Antje